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Nominiert 2026

Wenn jede Stunde zählt

Wenn jede Stunde zählt – Der neue Therapieansatz bei Multiorganversagen auf der Intensivstation

Dr. Claus Jessen (Sprecher)
Dr. Tobias Bingold
Christoph Hüßtege
ADVITOS GmbH, München

(v.l.n.r.) Christoph Hüßtege, Dr. Claus Jessen, Dr. Tobias Bingold

Die moderne Medizin kann heute Menschenleben erhalten und Eingriffe vornehmen, die noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar waren. Viele ernste Erkrankungen, die früher unweigerlich zum Tod geführt hätten, lassen sich inzwischen behandeln. Doch auch mit fortschrittlichen Behandlungsmethoden gibt es Herausforderungen in der Intensivmedizin. Dazu gehört die schwerwiegende Sepsis (Blutvergiftung), die als Folge einer Infektion, aber auch nach einer Routine-OP entstehen kann.

Wenn der Organismus bei einer schweren Infektion oder nach einem chirurgischen Eingriff die Kontrolle über seine inneren Abläufe verliert, beginnt oft der Prozess des sogenannten Multiorganversagens. Dabei gerät zunächst meist eine einzelne Funktion aus dem Gleichgewicht: Die Niere kann beispielsweise Stoffwechselprodukte nicht mehr ausreichend ausscheiden, die Leber verliert ihre Entgiftungsleistung oder die Lunge kann Kohlendioxid nicht mehr abgeben. In der Folge verändert sich das innere Milieu des Körpers und es werden weitere Organe in Mitleidenschaft gezogen. Es kommt zu einer Anreicherung der Giftstoffe, der Säure-Basen-Haushalt gerät in ein Ungleichgewicht und das Blut übersäuert (Azidose). Dies ist vergleichbar mit einer Reihe von Dominosteinen. Kippt der erste Stein, setzt sich die Bewegung unweigerlich fort. Jedes weitere Organ, das aus der Balance gerät, belastet die verbleibenden Funktionen zusätzlich, bis schließlich der gesamte Organismus in eine kritische Notlage gerät, die trotz einer Intensivbehandlung zum Tod führen kann.

Dieser intensivmedizinischen Herausforderung haben sich Dr.-Ing. Claus Jessen, PD Dr. med. Tobias Bingold und Christoph Hüßtege von der ADVITOS GmbH in München gestellt. An der interdisziplinären Schnittstelle von Medizin, Biochemie und Ingenieurswissenschaften haben die Forscher ein System entwickelt, das die Behandlung von Multiorganversagen verändert. Ihr Ansatz nimmt dabei nicht die Unterstützung isolierter Organe in den Blick, sondern die Stabilisierung eines komplexen biologischen Systems. Die zentrale Frage lautet nicht mehr: Wie lassen sich einzelne Organfunktionen durch separate Entgiftungstherapien ersetzen? Stattdessen geht es darum, eine integrierte Entgiftung aller relevanten Organe zu ermöglichen und dabei das notwendige empfindliche innere Milieu zu erhalten, um so weitere Organschäden zu verhindern.

Die Intensivmedizin verfügt über eine Vielzahl klassischer Verfahren, um individuelle Organfunktionen zu unterstützen. Dialyse ersetzt Aufgaben der Niere und entfernt wasserlösliche Stoffwechselprodukte aus dem Blut. ECMO-Systeme und Herz-Lungen-Maschinen können vorübergehend die Funktionen von Lunge oder Herz übernehmen. Andere Verfahren unterstützen die Entgiftungsfunktion der Leber, indem sie bestimmte Toxine aus dem Blut entfernen. Gemeinsam ist all diesen Technologien, dass sie jeweils ein einzelnes Organ adressieren. Intensivpatienten werden häufig zum Schnittpunkt mehrerer Maschinen, die parallel arbeiten, aber nicht auf die Stabilisierung des Gesamtsystems ausgerichtet sind. An dieser Stelle setzt die ADVOS-Therapie an. ADVOS steht für Advanced Organ Support und verfolgt einen integrierten Ansatz. Die Technologie versucht nicht, beeinträchtigte Organfunktionen einzeln zu stützen, sondern neben der Entgiftungsleistung auch die physiologischen Bedingungen wiederherzustellen.

Den Ausgangspunkt für diese Entwicklung legte der leider 2022 verstorbene Nephrologe PD Dr. Bernhard Kreymann bereits im Jahr 1995. Seine Idee: die natürlichen Entgiftungsmechanismen der menschlichen Leber für ein effektives Leberunterstützungsverfahren nutzbar zu machen. Anders als die Niere, die wasserlösliche Stoffe aus dem Blut filtert, erfasst die Leber auch an Eiweiße gebundene Giftstoffe. Man spricht dabei von proteingebundenen Toxinen. Für eine versagende Leber standen lange nur begrenzte Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, denn die Leberentgiftung ist äußerst komplex. Verfügbare Verfahren basieren aktuell überwiegend darauf, Giftstoffe direkt oder indirekt an künstliche Adsorber zu binden. Dabei werden jedoch auch wichtige Stoffe aus dem Blut abgezogen, sodass die Leberentgiftung neue Nebenwirkungen mit sich bringt. Es fehlte bislang ein Ansatz, der die körpereigene Funktion der Leber schonender und präziser nachbildet. Deshalb rückte Albumin in den Mittelpunkt der Funktionsweise des innovativen Verfahrens. Albumin ist das häufigste Bluteiweiß im Körper und dient als Transportmolekül für zahlreiche Substanzen. Es kann nur vom Körper selbst hergestellt werden und ist damit ein wertvoller Blutbestandteil. Deshalb wird bei dem von den Nominierten entwickelten System ein albuminhaltiges Dialysat (Blutreinigungsflüssigkeit) eingesetzt. Das Blut des Patienten wird außerhalb des Körpers über eine Membran mit diesem Dialysat in Kontakt gebracht. Die proteingebundenen Giftstoffe im Blut können bei der Passage durch die Membran auf das Albumin im Dialysat übergehen und anschließend entfernt werden.  
Die kontinuierliche Aufreinigung des Albumins im Dialysat erfolgt dann in einem zweiten Kreislauf durch eine gezielte Anpassung von pH-Wert und Temperatur – ganz ohne künstliche Adsorber, wie sie bei anderen Verfahren erforderlich sind.

Während die ersten Arbeiten darauf abzielten, die Entgiftungsfunktion der Leber außerhalb des Körpers nachzubilden, zeigte sich immer deutlicher, wie sehr Intensivpatienten von einer systemischen Unterstützung mehrerer Organe gleichzeitig profitieren, die über ein einziges Gerät abgebildet und gesteuert werden kann. Patientinnen und Patienten mit Leberversagen leiden häufig gleichzeitig unter Störungen der Nierenfunktion, einer eingeschränkten Fähigkeit, Kohlendioxid in der Lunge abzuatmen oder schweren Störungen des Säure-Basen-Haushalts. Die Entwickler erweiterten die Technologie daher konsequent. Aus einem Verfahren zur Blutreinigung entstand ein System, das mehrere lebenswichtige Regulationsmechanismen gleichzeitig unterstützen kann und den Organen das Milieu anbietet, in dem sie bestmöglich regenerieren können.
Durch die Weiterentwicklung gibt es nun ein geschlossenes Kreislaufsystem, in dem die giftstoffbindende Flüssigkeit kontinuierlich regeneriert und erneut eingesetzt wird. Über getrennte Teilkreisläufe lassen sich unterschiedliche Stoffgruppen gezielt lösen und entfernen. Dies war mit der bisherigen Albumindialyse nicht möglich. Gleichzeitig ermöglicht das System eine aktive Steuerung des Säure-Basen-Haushalts. Dies ist für die Intensivmedizin besonders relevant, da sich der pH-Wert des Blutes unter normalen Bedingungen in einem engen Bereich bewegt. Bei schweren Infektionen oder in Folge großer chirurgischer Eingriffe kann dieses Gleichgewicht verloren gehen. Das neu entwickelte System adressiert diese Störungen in ihrer Gesamtheit. Es entfernt nicht nur wasserlösliche und proteingebundene Toxine, sondern unterstützt auch die Elimination von Kohlendioxid aus dem Blut und die gezielte Stabilisierung des Säure-Basen-Haushalts.

Die besondere Bedeutung der neuen Technologie liegt daher nicht allein darin, mehrere Funktionen in einem Gerät zusammenzuführen. Sie verändert zugleich die Perspektive auf die Behandlung kritisch kranker Menschen. Die Intensivmedizin hat über Jahrzehnte hochspezialisierte Verfahren für einzelne Organfunktionen hervorgebracht. Multiorganversagen erfordert jedoch eine ganzheitliche, systemische und patientenindividuelle Stabilisierung des Organismus. Das System ermöglicht, die physiologischen Voraussetzungen wiederherzustellen, unter denen der Körper seine Stabilität zurückgewinnen kann.

Für Patientinnen und Patienten bedeutet dies vor allem eines: Zeit. Zeit zur Stabilisierung in einer lebensbedrohlichen Schocksituation und damit Zeit, um Reparaturmechanismen im Körper wieder aktivieren zu können. Für das Behandlungsteam bedeutet dies Zeit für weitere therapeutische Entscheidungen und mehr Zeit für die Versorgung dieser kritisch kranken Patienten durch den Einsatz weniger Geräte. Eingesetzt wird die Therapie unter anderem bei Multiorganversagen, das infolge eines septischen oder kardiogenen Schocks auftreten kann, akutem Nieren- und Leberversagen sowie schweren Störungen des Säure-Basen-Haushalts. Sie kann als Eskalationstherapie genutzt werden, wenn konventionelle Maßnahmen nicht mehr ausreichen, oder als Brückentherapie in kritischen Situationen.

Bereits heute wird die Therapie in mehr als dreißig Intensivstationen in Kliniken in Deutschland und Österreich eingesetzt und es wurden mehr als 11.500 Behandlungen durchgeführt. Die Bedeutung ist weitreichend, denn kritische Zustände betreffen nicht etwa nur hochbetagte Menschen. Patientinnen und Patienten jeden Alters können nach schweren Infektionen, Unfällen oder Komplikationen in eine Situation geraten, in der Stunden über ihr Überleben entscheiden.

Dort, wo bislang eine oft tödliche Dominokette ihren Lauf nahm, eröffnet die Innovation des Teams nun die Chance, sie zu stoppen – und damit mehr Menschen die Rückkehr in ihr Leben zu ermöglichen.

Unsere Therapie überbrückt das versagende Organ und stabilisiert gleichzeitig das innere Milieu durch pH-Regulation, sodass weitere Organversagen verhindert oder verzögert werden und das geschädigte Organ Zeit zur Erholung bekommt.

Dr. Claus Jessen

Fragen an die Nominierten

Wenn jede Stunde zählt – Der neue Therapieansatz bei Multiorganversagen auf der Intensivstation

Wie lief der Innovationsprozess von der ersten Idee bis zur heutigen Umsetzung?

Dr. Claus Jessen
Die erste Idee zur Entwicklung einer effektiven Leberunterstützung geht auf das Jahr 1995 zurück. Sie stammt von dem Nephrologen Dr. Bernhard Kreymann, dem Erfinder der Single Pass Albumin Dialysis (SPAD), der leider 2022 verstorben ist. Aus diesem ersten Konzept entwickelte sich ein langjähriger Innovationsprozess, der von wissenschaftlicher Forschung, technologischer Entwicklung und klinischer Anwendung geprägt war und schließlich zur heutigen Umsetzung führte.

Meine persönliche Reise in diesem Innovationsprozess begann im Jahr 2003. Damals kontaktierte mich Bernhard Kreymann in meiner Funktion als Entwicklungsleiter bei Fresenius Medical Care und stellte mir seine Idee der Leberüberbrückung vor. Entscheidend war sein Ansatz, nichts Künstliches zu erfinden, sondern die Leberfunktion nachzubilden. Im Mittelpunkt stand die Übertragung der natürlichen Leberfunktion in eine technologische Lösung. Mich hat fasziniert, dass man ein Organ technisch nachbildet, so wie es physiologisch funktioniert. Etwas Schonenderes für den Menschen gibt es kaum. Diese Idee war damals völlig neu, und diese naturbasierte Logik hat mich sofort überzeugt.

Wie wurde die Leberbehandlung denn vorher gelöst?

Dr. Tobias Bingold
Die Möglichkeiten waren sehr begrenzt. Adsorptionsverfahren für proteingebundene Stoffe gab es kaum. Daher war Albumin praktisch der einzige Ansatz, um im Blut gebundene Proteine in ein Dialysat zu überführen. Das ist die Spülflüssigkeit, mit der das Blut gereinigt wird. Da viele Stoffe nicht wasserlöslich sind, benötigen sie einen Transporter. Vergleichbar mit Lastkraftwagen braucht es einen, der sie im Blut transportiert, und einen, der sie auf der anderen Seite im Dialysat wieder aufnimmt. Im Körper übernimmt das Albumin diese Transportfunktion. Albumin ist ein menschliches Produkt und kann nur aus Blut gewonnen werden. Es ist sehr teuer, aufwändig herzustellen und nur begrenzt verfügbar. Deshalb werden alternativ häufig künstliche Adsorber eingesetzt. Das sind Filter mit Kügelchen, die Giftstoffe binden, dabei aber auch wichtige körpereigene Stoffe entfernen. Ein langfristiger Überlebensvorteil konnte bisher nicht bewiesen werden.

Optimal wäre die Nutzung von Albumin, allerdings ist eine Single-Pass-Anwendung, bei der es nur einmal verwendet wird, nicht sinnvoll. Daraus ergibt sich die zentrale Frage: Wie bringt man Albumin in einen Kreislauf und bereitet es wieder auf? Unsere Lösung ist, Albumin im Dialysat zirkulieren zu lassen, sodass es kontinuierlich Giftstoffe aufnimmt, gereinigt wird und erneut eingesetzt werden kann. Entscheidend für die Aufreinigung ist dabei die pH-Steuerung: Durch die pH-Änderung verändert Albumin seine räumliche Struktur, wodurch gebundene Toxine wieder freigesetzt werden. Wird der pH-Wert wieder normalisiert, nimmt es erneut Stoffe auf. Das ist ein natürlicher Prozess, es wird keine künstliche Membran zur Aufreinigung benötigt, sondern es erfolgt eine Nutzung der natürlichen Eigenschaften des Albumins. Dadurch kann Albumin über einen Zeitraum von 24 Stunden im Dialysat wiederverwendet werden, um auf natürliche Weise Stoffe aus dem Blut zu entfernen und abzutransportieren. Dieser Ansatz ist bislang einzigartig.

Christoph Hüßtege
Ich hatte zuvor Einblicke in ECMO-Systeme und Anästhesiegeräte erhalten. Über ADVITOS kam ich mit Bernhard Kreymann in Kontakt. Besonders fasziniert hat mich die Idee, die Leberunterstützung weiterzudenken und auch die Lunge einzubeziehen. Es sollte nicht ein weiteres isoliertes Gerät entstehen, sondern ein System, das die Funktionen und Wechselwirkungen zwischen den Organen Leber, Niere und Lunge berücksichtigt. Dadurch werden verschiedene Technologien in einem extrakorporalen Kreislauf vereint. Gemeinsam mit Bernhard Kreymann entwickelten wir dann Konzepte für die CO₂-Entfernung, pH-Regulation und auch zur möglichen Oxygenierung als nächsten Entwicklungsschritt und starteten erste Forschungsversuche.

Dr. Tobias Bingold
Das war der entscheidende Übergang von der reinen Leberunterstützung hin zum Multiorgansupport. Oxygenierung ist dabei bereits als nächster Schritt mitgedacht. Das ist die Anreicherung von Sauerstoff. Aktuell unterstützt unsere Maschine die drei Hauptentgiftungsorgane des Körpers: die Leber primär durch die Eliminierung proteingebundener Stoffe, die Niere primär durch die Entfernung wasserlöslicher Stoffe und die Lunge durch die CO₂-Entfernung. Zusätzlich ermöglicht sie als einziges System eine patientenindividualisierte pH-Steuerung zur Säureentfernung aus dem Blut. Der nächste Schritt ist, bei Patienten im Multiorganversagen auch die Sauerstoffversorgung zu unterstützen. Dadurch kann der oft komplexe Maschinenpark auf Intensivstationen auf eine einzige Maschine reduziert werden. Das erhöht die Patientensicherheit und erleichtert die Therapie, da weniger Systeme gleichzeitig koordiniert werden müssen.

Dr. Claus Jessen
Das ist für mich die nächste Stufe der Intensivmedizin. Früher wurde jedes Organ separat betrachtet und technisch unterstützt. Diese Systeme arbeiten jedoch unabhängig voneinander. Wir entwickeln dagegen ein System für die Behandlung des gesamten Organismus. Auch wenn wir mit einem Gerät für die Leberüberbrückung begonnen haben, ist daraus heute ein System für den Gesamtorganismus entstanden.

Christoph Hüßtege
Möglich wird das durch komplexe Regelungen und die technisch präzise Nachbildung physiologischer Prozesse. Dafür müssen Flüssigkeiten, Substanzen, Temperaturen, pH-Werte und Flussraten in mehreren Regelkreisen exakt zusammenspielen. Das Blut wird außerhalb des Körpers behandelt, mit dem Ziel, natürliche Körperfunktionen möglichst schonend und individualisiert zu unterstützen.

Welches Problem lösen Sie, für das es vorher keine Lösung gab?

Dr. Tobias Bingold
Es gibt zwei Hauptsituationen. Erstens: Kritischer Schock mit Multiorganversagen, bei dem nicht für jedes Organ ein eigenes System nötig ist. Stattdessen bietet eine Plattformlösung eine individualisierte Steuerung über die Zusammensetzung der Waschlösung statt standardisierter Lösungen aus Beuteln. Zweitens: Schock durch gestörte Entgiftung mit zunehmender Übersäuerung. Der pH-Wert ist eng reguliert; bei Abweichung versagen zentrale Körperfunktionen (Enzyme, Nervensystem). Das heißt, je mehr Bereiche durch so eine Azidose (Übersäuerung) betroffen sind, desto mehr versagen sie in ihrer Funktion. Und dann gibt es Patienten, die bei einer schweren Infektion ein passendes Antibiotikum bekommen haben, aber diese Schockphase dennoch nicht überleben, weil man diese Übersäuerung nicht durchbricht. Und da setzen wir an: Unsere Maschine entfernt aktiv Säure und stabilisiert so den Kreislauf, wodurch sich Schocksituationen verkürzen und der Körper Zeit zur Erholung gewinnt. Die Kombination aus Entgiftung (Leber, Niere, Lunge) und pH-Regulierung führt zu besserer Stabilisierung und schnellerer Erholung des Menschen, sodass sich der Stoffwechsel bessert und kreislaufstützende Medikamente reduziert werden können.

Das heißt, Ihre Innovation begann als Unterstützung zur Leberentgiftung. In der Weiterentwicklung ist die pH-Regulation aber nun zu einem zentralen Bestandteil geworden?

Dr. Tobias Bingold
Entscheidend ist die Kombination beider Ansätze. Unsere Technologie entfernt proteingebundene und wasserlösliche Substanzen sowie mittelgroße Moleküle, die mit klassischen Nierenersatzverfahren nur schwer aus dem Körper entfernt werden können. Diese drei Entgiftungsfunktionen tragen bereits wesentlich zur Stabilisierung des Organismus bei. Kommt es zusätzlich zu einer Übersäuerung (Azidose), können wir diese aktiv und schnell korrigieren. In der Anwendung haben wir beobachtet, dass sich Patienten in solchen Situationen rasch stabilisieren, der Bedarf an blutdruckstützenden Medikamenten sinkt und sich der Stoffwechsel erholt. Kurz gesagt: Wir ermöglichen die Entgiftung des gesamten Organismus, indem wir die Funktion der wichtigsten Entgiftungsorgane ersetzen oder überbrücken. Gleichzeitig stabilisieren wir den Kreislauf durch eine gezielte pH-Regulation.

Wie lange dauerte es von der ersten Idee bis zum auslieferungsreifen Produkt?

Dr. Claus Jessen
Die Forschungen zur Albuminaufreinigung und Leberüberbrückung dauerten etwa zehn Jahre. Bis zum heutigen Multiorgan-System waren es insgesamt rund 20 Jahre.

Dr. Tobias Bingold
Die grundlegende Idee wurde erstmals 1997 anhand eines Morbus-Wilson-Patienten durch Dr. Kreymann publiziert. Im Mittelpunkt stand damals bereits die Nutzung von Albumin zur Entfernung schädlicher Substanzen aus dem Blut. Aus diesem Ansatz entstand schließlich 2004 die Firmengründung mit dem Ziel, die Technologie zur klinischen Anwendung weiterzuentwickeln. 2013 kam die erste Maschine zur Leberunterstützung auf den Markt. 2016 wurde die initiale pH-Steuerung umgesetzt. Während der Corona-Pandemie wurde dann die aktive pH-Regulation des Systems erweitert und um eine erweiterte Bikarbonatregelung ergänzt. Damit entstand die Möglichkeit, nicht nur gezielt in den Säure-Basen-Haushalt einzugreifen, sondern auch den Bikarbonathaushalt aktiv zu beeinflussen.

Die pH-Regulation dient dazu, überschüssige H⁺-Ionen aus dem Blut zu entfernen. Das wird vor allem dann wichtig, wenn Patienten aufgrund von Sauerstoffmangel oder einer eingeschränkten Atmung übersäuern. Kann CO₂ nicht ausreichend abgeatmet werden, steigt dessen Konzentration im Blut an – das führt zu einer Azidose. Üblicherweise wird überschüssiges CO₂ in schweren Fällen mithilfe einer ECMO entfernt. Dieses Verfahren ist jedoch sehr invasiv. Wir verfolgen einen anderen Ansatz, der sich an der natürlichen Funktion der Niere orientiert. Dabei regulieren wir gezielt die Konzentration von H⁺-Ionen und Bikarbonat. Beide stehen in einem chemischen Gleichgewicht mit CO₂ und Wasser. Werden H⁺-Ionen und Bikarbonat entfernt, wird indirekt auch überschüssiges CO₂ aus dem System gezogen und in Wasser gebunden. Dafür müssen wir den Bikarbonatgehalt der Dialyseflüssigkeit gezielt steuern und bei Bedarf absenken. So können wir die Lungenfunktion auf schonende Weise unterstützen.

Das klingt nach einem langen Entwicklungsprozess. Welche Anteile davon waren dann besonders zeitintensiv und warum?

Christoph Hüßtege
Es war nicht einfach, den Arbeitsbereich zu finden, in dem Albumin seine Transportfunktion behält und wiederkehrend gezielt von gebundenen Toxinen entladen werden kann. Dazu mussten die exakten pH- und Temperaturbereiche identifiziert und sehr genau aufeinander abgestimmt werden. Dieser Arbeitsbereich beeinflusst, wie Albumin seine Struktur reversibel verändert und anschließend wieder seine Transportfunktion erfüllen kann. Das erforderte zahlreiche Laborversuche. 2014 begannen wir mit der Entwicklung der aktiven pH-Regulation sowie der Steuerung von Bikarbonat zur CO₂-Entfernung. Dazu kamen weitere sechs bis sieben Jahre intensiver Laborarbeit: Die Dialysekonzentrate aus Säure und Lauge mussten angepasst, Algorithmen entwickelt und In-vitro-Patientenmodelle für die Testung etabliert werden.

Dr. Tobias Bingold
Man muss sich vor Augen führen, wie anspruchsvoll dieser Prozess ist. Wenn man ein Ei erhitzt, verändert das Eiweiß seine Struktur und wird fest. Ähnliches passiert auch in unserer Maschine. Der Unterschied ist: Wir wollen, dass das Albumin trotz extremer pH-Werte seine Struktur und Funktion behält. Dafür müssen pH-Wert, Temperatur und Behandlungsdauer äußerst präzise aufeinander abgestimmt werden. Nur so bleibt das System stabil und das Albumin funktionsfähig. Diese Feinabstimmung ist zugleich die Grundlage dafür, die Therapie gezielt weiterzuentwickeln.

Christoph Hüßtege
Die eigentliche Herausforderung liegt darin, die vielen physikalischen und chemischen Prozesse dauerhaft und sicher im System zu beherrschen. Unterschiedliche Stoffe müssen exakt dosiert, zusammengeführt und wieder getrennt werden. Gleichzeitig arbeitet das System mit zahlreichen Regelungs-, Reinigungs- und Spülprozessen, damit es über viele Stunden stabil betrieben werden kann. Ohne diese Abläufe würden Membranen bereits nach kurzer Zeit blockieren. Anspruchsvoll ist auch, dass wir uns in einem sehr engen Arbeitsbereich bewegen, in dem wir die Eigenschaften des Albumins gezielt nutzen, ohne seine Struktur und Funktion zu verlieren.

Dr. Claus Jessen
Es ist hochgradig interdisziplinär: Biologie, Physik, Chemie, Verfahrenstechnik. Da gibt es nicht den einen Spezialisten und nichts davon ist in einem einzelnen Buch nachlesbar.

Dr. Tobias Bingold
Wir mussten faktisch neue Grundlagen für die Anwendung entwickeln und diese in ein sicheres Gesamtsystem integrieren.

Als Medizintechnikprodukt-Entwickler haben Sie hohe Sicherheitsstandards, die Sie erfüllen müssen, bevor es an realen Menschen ausprobiert wird. Wie liefen diese Prozesse ab?

Christoph Hüßtege
Das ist ein sehr großer Aufwand. Für ein solches Therapiesystem ist Sicherheit einer der zentralen Punkte. Deshalb haben wir umfangreiche In-vitro-Labormodelle mit Schweineblut etabliert, um viele Fragestellungen realitätsnah testen und Tierversuche so weit wie möglich reduzieren zu können. Zusätzlich waren präklinische Untersuchungen notwendig, bevor die klinische Erprobung beginnen konnte. Da es für ein derartiges System mit der Kombination aus Blutreinigung, aktiver pH-Regelung und Multiorganunterstützung kein vollständig passendes bestehendes Regelwerk gab, mussten wir Anforderungen aus etablierten Dialyse- und Medizintechnikstandards zusammenführen und für unser System neu bewerten. Über die Jahre wurden Elektronik, Software, Hydraulik und Verbrauchsmaterialien kontinuierlich erweitert und schließlich zu einem integrierten Gesamtsystem zusammengeführt.

Dr. Tobias Bingold
Wir verstehen das System als Therapieplattform. Es dient zukünftig nicht nur einer einzelnen Therapie, sondern ermöglicht verschiedene Verfahren der Intensivmedizin, etwa Nierenersatz- oder andere Blutreinigungsverfahren. Diese können modular zu- oder abgeschaltet werden.

Dr. Claus Jessen
Entscheidend ist die Ausrichtung auf individualisierbare Therapie und die Anwendbarkeit auf Intensivstationen. Von Beginn an waren Intensivmediziner und Pflegekräfte eingebunden. Die Bedienbarkeit in der Anwendungsumgebung stand im Vordergrund, nicht zuerst die Technik. Danach mussten Mechanik, Hydraulik und Elektronik in dieses Design integriert werden. Das Feedback zu Bedienung und Benutzeroberfläche (UX-/UI-Konzept) ist sehr positiv.

Mit Blick auf Ihr Ziel, die Sterblichkeit auf Intensivstationen zu reduzieren: Welche Erfahrungen machen die Kliniken bislang mit dem Einsatz des Geräts?

Dr. Tobias Bingold
Entscheidend ist die klinische Evidenz. Die höchste Evidenz liefern prospektiv randomisierte Multicenter-Studien. Eine solche Studie läuft bereits. Bei einer Multicenter-Studie werden Patienten in mehreren Kliniken parallel behandelt. Eine Gruppe erhält unsere Therapie, die andere die Standardtherapie. Anschließend werden definierte Endpunkte verglichen. In unserer laufenden Studie zeigt sich, dass sich der Säurestatus der Patienten mit unserer Therapie schneller normalisiert. Zusätzlich existieren Real-World-Daten aus einem Patientenregister. Diese zeigen eine Reduktion der Sterblichkeit um etwa 30 bis 40 Prozent im Vergleich zur erwarteten Prognose. Diese Ergebnisse müssen in kontrollierten Studien noch bestätigt werden. Entscheidend ist, dass eine Schocksituation schneller verlassen werden kann und der Körper wieder in die Regulation kommt.

Dr. Claus Jessen
Ich sehe als Ingenieur vor allem, dass das Multiorganversagen möglicherweise gar nicht erst entsteht. Wenn ein Organ wie die Niere versagt, sinkt der pH-Wert und destabilisiert weitere Organe. Unsere Therapie überbrückt das versagende Organ und stabilisiert gleichzeitig das innere Milieu durch pH-Regulation, sodass weitere Organversagen verhindert oder verzögert werden und das geschädigte Organ Zeit zur Erholung bekommt.

Dr. Tobias Bingold
Wenn man in der täglichen klinischen Praxis ein funktionierendes System hat, wirkt eine neue Lösung zunächst unnötig. Das Problem besteht zwar, aber der Nutzen ist nicht sofort sichtbar, wenn es gelöst wird. Der Einstieg ist deshalb schwierig. Man muss Kliniken finden, die innovativ denken und bereit sind, neue Ansätze wissenschaftlich zu begleiten. Entscheidend ist, klinische Daten zu generieren und Studien durchzuführen, um den Evidenzlevel nachvollziehbar zu erhöhen.

Dr. Claus Jessen
Multiorganversagen ist eine tägliche Todesursache auf Intensivstationen; rund 60 Prozent der Todesfälle dort stehen damit in Verbindung. Trotzdem muss zunächst durch Ausbildung vermittelt werden, dass es dafür überhaupt eine echte Lösung geben kann. Erst wenn die wissenschaftliche Evidenz überzeugt, entsteht auch der Bedarf. Wie bei technischen Innovationen generell: Man erkennt den Nutzen erst, wenn die Lösung existiert und erklärt wird. Diese „Ausbildung des Bedarfs“ müssen wir selbst leisten.

Christoph Hüßtege
Innovation wird oft als Umbruch verstanden. In Umgebungen wie Intensivstationen ist das besonders schwierig, da bestehende Geräte und Abläufe tief verankert sind. Veränderungen erfordern den Mut, etablierte Standards zu hinterfragen.

Dr. Claus Jessen
Es ist auch eine kommunikative Hürde: Für viele Ärzte bedeutet das indirekt, dass bisherige Verfahren nur die zweitbeste Lösung waren. Das ist schwer zu vermitteln. Deshalb ist Überzeugung durch Evidenz zentral.

Dr. Tobias Bingold
Der Aufbau belastbarer medizinischer Daten braucht Zeit. Gleichzeitig ist es richtig, neue Verfahren nicht vorschnell einzusetzen, sondern erst ausreichend Evidenz für Sicherheit und Nutzen zu schaffen. Die Kliniklandschaft ist jedoch durch Zeit- und Ressourcenmangel oft wenig aufnahmefähig für Innovationen, was Studien erschwert. Trotzdem entwickeln wir die Evidenz kontinuierlich weiter und zeigen in Publikationen zunehmend, dass die Therapie wie erwartet funktioniert.

In welcher Anwendung sehen Sie das größte Potenzial für die Zukunft?

Dr. Tobias Bingold
Die wichtigste Zielgruppe sind Patienten mit Sepsis oder schweren Schockzuständen, die in Richtung Organversagen gehen. Darüber hinaus betrifft es Patienten nach Trauma, Reanimation oder großen Operationen. Entscheidend ist die Phase eines noch reversiblen Schocks. In dieser Phase kann die Therapie besonders wirksam unterstützen.

Dr. Claus Jessen
Es gibt derzeit keinen Wettbewerber, der eine physiologische Leberüberbrückung mit Albumin-Recycling und aktiver pH-Regulation kombiniert. Andere verfolgen zwar ähnliche Ziele, aber ohne diese Schlüsseltechnologien. Unser System besteht aus zahlreichen Einzelprodukten, die jeweils separat zugelassen werden müssen. Das macht die Markteinführung komplex. Für die Skalierung braucht es Kapital und vor allem Ausbildung. Deshalb haben wir eine Akademie aufgebaut, um Schulungen systematisch zu organisieren. Parallel werden Produktion, Prozesse und Internationalisierung vorbereitet.

Christoph Hüßtege
Entscheidend ist auch die Nutzerakzeptanz. Ein System für die Intensivstation muss nicht nur technisch leistungsfähig sein, sondern auch im täglichen Einsatz Vertrauen und Sicherheit schaffen. Während frühere Geräte oft Distanz erzeugten, wird das aktuelle System, beispielsweise auf Messen, auch von Personen ohne vorherige Nutzung schnell verstanden und intuitiv ausprobiert. Usability-Aspekte und Rückmeldungen aus den Kliniken wurden von Anfang an konsequent in die Entwicklung einbezogen. Design und Usability dienen bei unserem Therapiesystem nicht der Optik, sondern der Sicherheit, Verständlichkeit und Entlastung im klinischen Alltag. Dadurch wird die Einführung einer neuen Therapie im Markt deutlich erleichtert.

Dr. Tobias Bingold
Parallel müssen laufende Studien zügig abgeschlossen und neue Studien gestartet werden, um die Evidenz weiter auszubauen.

Wann haben Sie jeweils Ihre Leidenschaft für Ihr Tätigkeitsfeld entwickelt?

Dr. Claus Jessen
Ich wollte eigentlich mal Erfinder werden – und nicht Manager. Die Idee, Physiologie in Technologie zu übersetzen, hat mich sofort überzeugt, als ich davon hörte. Es ging darum, die Natur nachzubilden und sie gut handhabbar zu ersetzen.

Dr. Tobias Bingold
Mich beschäftigt die Frage, warum Patienten auf die Intensivstation kommen: Sie können sich nicht mehr selbst versorgen und brauchen Unterstützung. Blutreinigungssysteme sind dabei zentral. Als ich ADVITOS kennengelernt habe, war klar, dass dieser Ansatz eine große Lücke in der Therapie schließen kann.

Christoph Hüßtege
Meine Begeisterung für Technik reicht bis in die Kindheit zurück. Ich habe schon immer Dinge gebaut, zerlegt oder wieder zusammengesetzt, um zu verstehen, wie etwas funktioniert oder sich Probleme lösen lassen. Diese Neugier, Probleme zu durchdringen und Lösungen zu entwickeln, begleitet mich bis heute. In der Medizintechnik fasziniert mich besonders der Ansatz, Prozesse aus der Natur technisch möglichst gut abzubilden. Mich begeistert, wie viele Möglichkeiten unser System bietet.

Dr. Claus Jessen
Wir bekommen sehr gut qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, obwohl wir große Arbeitgeber in der Region haben. Aber sie kommen zu uns, weil das bei uns eine sehr sinnstiftende Tätigkeit ist. Wir haben ein richtig großartiges Entwicklungsteam in allen Disziplinen. Und es ist sehr interdisziplinär.

Was begeistert Sie als Privatpersonen, wenn Sie nicht bei der Arbeit sind?

Dr. Claus Jessen
Ich verbringe viel Zeit mit der Familie und Freunden aus allen Lebensphasen. Wenn ich allein bin, mache ich Ausdauersport, gehe wandern und sitze mindestens einmal die Woche am Feuer.

Dr. Tobias Bingold
Wir leben im bayerischen Oberland, die Natur ist ein großer Ausgleich, vor allem auch mit zwei lauffreudigen Hunden. Außerdem gehe ich gern tauchen, am liebsten in warmem Wasser. Wenn es die Zeit erlaubt, gehe ich auch gern Skifahren.

Christoph Hüßtege
Am liebsten verbringe ich Zeit mit meinen Kindern und meiner Familie.

Was erwarten Sie als Feedback, wenn die Ergebnisse Ihrer Studien vorliegen?

Christoph Hüßtege
Wenn die laufenden und künftigen Studien die bisherigen klinischen Erfahrungen bestätigen, kann daraus ein Verfahren entstehen, das deutlich früher im Behandlungsverlauf eingesetzt wird. Ziel ist es, Patienten zu stabilisieren, Entgiftungsorgane zu entlasten und kritische Verläufe besser beherrschbar zu machen. Voraussetzung dafür ist eine Anwendung, die sicher, einfach und möglichst wenig invasiv in den klinischen Alltag integrierbar ist. Mein Zielbild ist eine Therapieplattform, die Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte frühzeitig unterstützt, bevor sich Organversagen weiter verstärkt.

Dr. Claus Jessen
In der Medizin nimmt die Spezialisierung immer weiter zu. Unser Ansatz ist eine Umkehr: Wir betrachten den gesamten Organismus und die Interaktion der Organe. Das kann für stark spezialisierte Bereiche eine Herausforderung werden, ähnlich wie das Auto für die Kutschenbauer und die Pferdezüchter. Welche Auswirkungen das langfristig hat, wird sich zeigen.

Dr. Tobias Bingold
Heute wird unsere Entwicklung deutlich mehr beobachtet als noch vor einigen Jahren. Kliniken fragen aktiv nach unserem Plattformansatz und beziehen uns in Projekte ein. Wir sind ein kleines, agiles Unternehmen und sehen, dass sich unsere Entwicklungsarbeit klar vom Markt abgrenzt.

Was bedeutet Ihre Arbeit für die Gesellschaft?

Dr. Claus Jessen
Wir können viele Leben auf Intensivstationen retten. Die Patienten sind nicht auf eine bestimmte Gruppe beschränkt, sondern quer durch die Gesellschaft. Darüber hinaus entwickeln wir uns als vollstufiges Unternehmen mit Forschung, Entwicklung, Produktion, Vertrieb und Service zu einem großen Arbeitgeber in Deutschland und weltweit.

Dr. Tobias Bingold
Der Kern ist: „Zurück ins Leben“. Nicht nur überleben, sondern eine bessere Lebensqualität nach kritischer Erkrankung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Details

Lebensläufe

Dr.-Ing. Claus Jessen

25.12.1962

Geboren in Erlenbach am Main

1983 – 1985

Studium „Allgemeiner Maschinenbau”, TH Darmstadt
Abschluss: Vordiplom

1985 – 1988

Studium „Maschinenbau“, Schwerpunkt „Luft- und Raumfahrt“, RWTH Aachen
Abschluss: Dipl.-Ing.

1988 – 1993

Promotion: Dr.-Ing. „Messung von Druck, Kraft und Temperatur an Modellen im Stoßwellenkanal“
Stoßwellenlabor, RWTH Aachen

1993 – 1994

Entwicklungsingenieur, Fresenius AG, St. Wendel

1994 – 1995

Projektleiter, Fresenius AG, St. Wendel

1995 – 1996

Entwicklungsleiter, Fresenius AG, St. Wendel

1996 – 2003

Bereichsleiter Forschung und Entwicklung, Fresenius Medical Care AG, Bad Homburg

1997 – 1999

Bereichsleiter Strategisches Marketing, Fresenius Medical Care AG, Bad Homburg

1999 – 2003

Werksleiter Produktion Dialysegeräte, Fresenius Medical Care AG, Schweinfurt

2003 – 2009

Werksleiter, Festo AG & Co. KG, St. Ingbert

2008 – 2009

Bereichsleiter Produktion, Festo AG & Co. KG, Esslingen

2010 – 2015

Vorstand Supply Chain, Festo AG & Co. KG, Esslingen

2016 – 2016

Vorstandsvorsitzender, Festo AG & Co. KG, Esslingen

2017 – 2020

Selbstständiger Unternehmensberater

2021 – 2022

Entwicklungsleiter, ADVITOS GmbH, München

2022 – heute

Geschäftsführer, ADVITOS GmbH, München

PD Dr. med. Dr. med. habil. Tobias Bingold

21.01.1968

Geboren in München

1989 – 2004

Studium zur Humanmedizin, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Abschluss zum „Dr. med." an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg: „Morphometrie der Kardiomyozyten des rechten Ventrikels während der klinischen Herztransplantation"

1996 – 1997

Assistenzarzt, Max Grundig Klinik, Innere Medizin, Bühlerhöhe

1997

Assistenzarzt, Stadtklinik Baden-Baden

1997

Approbation als Arzt

1998 – 2016

Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie,
Universitätsklinik Frankfurt am Main, Goethe-Universität

2002

Facharzt für Anästhesiologie

2003

Stationsarzt Anästhesiologisch-Chirurgische Intensivstation

2004

Zusatzbezeichnung „Spezielle Anästhesiologische Intensivmedizin“

2006

Oberarzt Anästhesiologisch-Chirurgische Intensivstation

2007

Qualitätsmanagement-Beauftragter der Klinik für Anästhesiologie,
Intensivmedizin und Schmerztherapie

2008

Zentraler Koordinator Anästhesiologisch-Operative Intensivstation/IMC/PACU

2012

Geschäftsführender Oberarzt Intensivmedizin

2016

Habilitationsabschluss: Privatdozent (PD) Dr. med. habil.
Goethe-Universität Frankfurt am Main: „Inflammatorische Diagnostik und Epidemiologie von Organversagen in der Intensivmedizin"

2016 – 2020

Klinikdirektor, Klinik für Interdisziplinäre Intensivmedizin und Intermediate Care,
Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden

2017

Integration des Weaning-Zentrums an der Deutschen Klinik für Diagnostik (DKD)
Helios Wiesbaden in die Klinik für Interdisziplinäre Intensivmedizin und Intermediate Carder HSK Wiesbaden

2020 – 2021

Weiterbildung für die Zusatzbezeichnung Infektiologie, Klinik für Infektiologie,
Medizinische Klinik 2, Universitätsklinik Frankfurt am Main, Goethe-Universität

2021 – 2022

Medizinischer Direktor, ADVITOS GmbH, München

2022 – heute

Chief Medical Officer, ADVITOS GmbH, München

Publikationen

 

Rund 90 im Peer-Review-Verfahren begutachtete wissenschaftliche Publikationen (Originalarbeiten, Reviews, weitere Fachbeiträge, Buchkapitel und Abstracts), davon zahlreiche als Erst-, Letzt- oder korrespondierender Autor; Gutachtertätigkeit für internationale Fachzeitschriften (u. a. PLoS One, Critical Care) sowie Führungs- und Sprecherrollen in Fachgesellschaften (u. a. DGAI, DIVI, ESICM), einschließlich mehrjähriger Funktionen in Vorsitz- und Stellvertretungsrollen sowie als Kommissionsmitglied und Kongressmitwirkung

Christoph Hüßtege

12.06.1988

Geboren in München

2008 – 2012

Bachelorstudium Medizintechnik, Technische Hochschule Ulm, Medizinische GerätetechniAbschluss: Bachelor of Engineering

2012 – 2014

Masterstudium Medizintechnik, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg,
Medizintechnik, Medizinische Gerätetechnik, Produktionstechnik und Prothetik
Abschluss: Master of Science

2010 – 2011

Dräger Medical GmbH, Lübeck, R&D
Life Cycle Engineering Praxissemester

2011 – 2012

MAQUET Cardiopulmonary AG, Hechingen, Forschung & Entwicklung
Einwegprodukte, Bachelorarbeit „Realisierung eines Testgeräts zur Bestimmung des Sieb- und Ultrafiltrationskoeffizienten von Hämokonzentratoren"

2012 – 2012

Shanghai Draeger Medical Instrument Co. Ltd., Shanghai, China
Praktikum im Bereich Forschung & Entwicklung / Verifizierung und Validierung

2014 – 2014

Hepa Wash GmbH, München, Forschung & Entwicklung
Masterarbeit: „Untersuchung zur Anreicherung von Flüssigkeiten mit Sauerstoff für die extrakorporale Blutoxygenierung"

2015 - heute

ADVITOS GmbH, München

2015 – 2015

Forschung & Entwicklung, Mechanik & Hydraulik

2015 – 2018

Teamleiter Mechanik & Hydraulik

2018 – 2019

Forschung & Entwicklung, Einwegartikel

2019 – 2021

Leiter Vorentwicklung

2021 – 2022

Stellvertretender Leiter Forschung & Entwicklung

2022 - heute

Leiter Forschung & Entwicklung

2019 - heute

Gastvorlesungen TUM, Medizintechnik

Patente

 

Miterfinder in 9 Patentfamilien

Auszeichnungen

 

Mitentwickler des mehrfach international ausgezeichneten Medizingeräts ADVOS BK300, u. a. iF DESIGN AWARD Gold 2026 sowie zweifacher Red Dot Design Award 2025 (Product Design und Innovative Design)

Beteiligt an folgenden Förderprojekten:

 

H2020-EIC-SMEInst EU No. 961745
H2020-EIC-SMEInst EU No. 880349
KMU-innovativ: Medizintechnik BMBF 13GW0285
BMBF ZIM 13GW0569A

Kontakt

Koordination und Pressekontakt

Martina Petkov
Head of Business Development
ADVITOS GmbH
Agnes-Pockels-Bogen 1
80992 München
Tel.: +49 (0) 89 / 41 11 84 200
E-Mail: martina.petkov@advitos.com
Web: www.advitos.com

Sprecher

Dr.-Ing. Claus Jessen
Geschäftsführer
ADVITOS GmbH
Agnes-Pockels-Bogen 1
80992 München
Tel.: +49 (0) 89 / 41 11 84 220
E-Mail: claus.jessen@advitos.com
Web: www.advitos.com

Beschreibung der Institute und Unternehmen zu ihren nominierten Projekten

Wenn jede Stunde zählt – Der neue Therapieansatz bei Multiorganversagen auf der Intensivstation

Wenn lebenswichtige Organe wie Leber, Niere und Lunge versagen, geraten zentrale Entgiftungs- und Regulationsmechanismen des Körpers außer Kontrolle. Stoffwechselprodukte und Toxine reichern sich an, der Säure-Basen-Haushalt entgleist und lebensbedrohliche Schockzustände können entstehen. Besonders kritisch wird die Situation, wenn mehrere Organe gleichzeitig betroffen sind. Multiorganversagen zählt zu den häufigsten Todesursachen auf Intensivstationen und stellt die moderne Intensivmedizin bis heute vor große Herausforderungen.

Hier setzt die ADVOS multi Therapie (ADVanced Organ Support) der ADVITOS GmbH an. Die in München entwickelte Technologie vereint Leber-, Nieren- und Lungenunterstützung mit einer aktiven Regulation des Säure-Basen-Haushalts in einem einzigen Therapiesystem. Statt einzelne Organfunktionen isoliert zu behandeln, verfolgt die innovative ADVOS-Technologie einen integrierten Ansatz und adressiert zentrale Mechanismen des Multiorganversagens gleichzeitig. 
Die Herausforderung bei der Entwicklung bestand darin, die unterschiedlichen Aufgaben mehrerer Organe in einer klinisch nutzbaren Plattform zusammenzuführen. Während die Niere vor allem wasserlösliche Stoffwechselprodukte entfernt, bindet die Leber zahlreiche Schadstoffe an Humanalbumin und macht sie dadurch erst ausscheidbar. Die Lunge wiederum reguliert durch die Abgabe von Kohlendioxid maßgeblich den Säure-Basen-Haushalt. Fällt dieses Zusammenspiel aus, reichen herkömmliche Organersatzverfahren häufig nicht aus.

Herzstück der ADVOS multi Therapie ist eine patentierte albumingestützte Blutreinigung. Humanalbumin, das wichtigste Transportprotein des menschlichen Körpers, bindet zahlreiche Stoffwechselprodukte und Toxine. Viele dieser Substanzen sind an Albumin oder andere Proteine gebunden und können mit konventionellen Dialyseverfahren nur eingeschränkt entfernt werden. Die ADVOS-Technologie bildet dieses natürliche Entgiftungsprinzip technisch nach: Während der Behandlung werden sowohl wasserlösliche als auch proteingebundene Schadstoffe aus dem Blut entfernt. Gleichzeitig wird das eingesetzte Humanalbumin kontinuierlich regeneriert und wiederverwendet. Dadurch entsteht ein geschlossener Kreislauf, der die kontinuierliche Entfernung unterschiedlicher Schadstoffgruppen ermöglicht.

Ein weiteres zentrales Merkmal der ADVOS multi Therapie ist die aktive Regulation des Säure-Basen-Haushalts. Dazu werden saure und basische Lösungen innerhalb des Systems präzise gesteuert und patientenindividuell angepasst. Auf diese Weise können schwere metabolische und respiratorische Azidosen gezielt korrigiert werden, indem sowohl Wasserstoffionen als auch Kohlendioxid aus dem Blut entfernt werden. Das System unterstützt damit nicht nur die Entgiftungsfunktionen von Leber und Niere, sondern übernimmt zusätzlich wesentliche Aufgaben der Säure-Basen-Regulation und CO₂-Elimination, die unter physiologischen Bedingungen durch die Lunge gewährleistet werden.

Die eigentliche Innovationsleistung liegt im präzisen Zusammenspiel dieser Prozesse. Dafür müssen Stoffkonzentrationen, pH-Werte, Flüssigkeitsströme und Transportprozesse kontinuierlich überwacht, gesteuert und aufeinander abgestimmt werden. Erst durch die Entwicklung eines Systems, das komplexe physikalische, chemische und biologische Prozesse sicher miteinander verbindet, konnte eine integrierte Therapieplattform zur gleichzeitigen Unterstützung mehrerer Organfunktionen entstehen.

Die ADVOS multi Therapie vereint Erkenntnisse aus Intensivmedizin, Nephrologie, Hepatologie, Biochemie, Verfahrenstechnik, Regelungstechnik und Medizintechnik. Die Entwicklung erforderte die enge Zusammenarbeit von Ärztinnen und Ärzten, Naturwissenschaftlern sowie Ingenieurinnen und Ingenieuren über mehr als zwei Jahrzehnte. Ziel war es, die natürlichen Entgiftungs- und Regulationsmechanismen des Körpers nicht nur zu verstehen, sondern sie in ein klinisch anwendbares Therapiesystem zu übertragen. Das Ergebnis ist ein Beispiel moderner Medizintechnik-Ingenieurskunst, bei der mehrere Flüssigkeitskreisläufe, Sensoren, Pumpen und Regelalgorithmen innerhalb eines Systems zusammenarbeiten.

Die Grundlagen der ADVOS-Technologie wurden vor mehr als 25 Jahren im Rahmen der Forschung zu neuen Behandlungsmöglichkeiten für Patientinnen und Patienten mit schwerem Leberversagen gelegt. Aus diesen ersten Konzepten entwickelte sich über zwei Jahrzehnte ein Innovationsprozess, der wissenschaftliche Forschung, technologische Entwicklung und klinische Anwendung miteinander verband. Daraus entstand die heutige ADVOS-Plattform, die zentrale Entgiftungs- und Regulationsfunktionen mehrerer Organe in einem System vereint.

Heute wird die ADVOS multi Therapie an mehr als 30 spezialisierten Intensivstationen in Deutschland und Österreich eingesetzt. Mehr als 11.500 Behandlungen wurden, bislang durchgeführt. Ergänzend dokumentiert das EMOS-Register* nahezu 300 Patientinnen und Patienten sowie über 1.000 Behandlungen aus der klinischen Routineanwendung. Die bisherigen Auswertungen zeigen vielversprechende Ergebnisse hinsichtlich des Potenzials der Technologie bei der Behandlung von schwerem Multiorganversagen und bestätigen die technische Leistungsfähigkeit sowie das Sicherheitsprofil der Therapie.

Mit der ADVOS multi Therapie hat die ADVITOS GmbH als Technologievorreiter eine weltweit einzigartige Plattform zur integrierten Unterstützung mehrerer Organfunktionen entwickelt. Forschung, Entwicklung, Produktion, Qualitätsmanagement und klinische Weiterbildung sind am Standort München gebündelt. Die Technologie wird heute in hochspezialisierten Intensivstationen klinisch eingesetzt und kontinuierlich weiterentwickelt. Die ADVOS-Plattform ist darauf ausgelegt, künftig weitere spezialisierte Blutreinigungs- und Organunterstützungsverfahren zu integrieren. Damit zeigt die ADVOS-Technologie, wie aus interdisziplinärer Forschung, klinischer Expertise und deutscher Ingenieurskunst eine neue Therapieklasse für die Intensivmedizin entstehen kann, und eröffnet neue Perspektiven für die Behandlung kritisch kranker Patientinnen und Patienten weltweit.

*Fuhrmann et al., PLoS ONE (2025): The Advanced Organ Support (ADVOS) hemodialysis system fulfills its intended purpose: Analysis of data from 282 patients from the Registry on Extracorporeal Multiple Organ Support (EMOS).