Nominiert 2026
Wenn jede Stunde zählt
Wenn der Organismus bei einer schweren Infektion oder nach einem chirurgischen Eingriff die Kontrolle über seine inneren Abläufe verliert, beginnt oft der Prozess des sogenannten Multiorganversagens. Dabei gerät zunächst meist eine einzelne Funktion aus dem Gleichgewicht: Die Niere kann beispielsweise Stoffwechselprodukte nicht mehr ausreichend ausscheiden, die Leber verliert ihre Entgiftungsleistung oder die Lunge kann Kohlendioxid nicht mehr abgeben. In der Folge verändert sich das innere Milieu des Körpers und es werden weitere Organe in Mitleidenschaft gezogen. Es kommt zu einer Anreicherung der Giftstoffe, der Säure-Basen-Haushalt gerät in ein Ungleichgewicht und das Blut übersäuert (Azidose). Dies ist vergleichbar mit einer Reihe von Dominosteinen. Kippt der erste Stein, setzt sich die Bewegung unweigerlich fort. Jedes weitere Organ, das aus der Balance gerät, belastet die verbleibenden Funktionen zusätzlich, bis schließlich der gesamte Organismus in eine kritische Notlage gerät, die trotz einer Intensivbehandlung zum Tod führen kann.
Dieser intensivmedizinischen Herausforderung haben sich Dr.-Ing. Claus Jessen, PD Dr. med. Tobias Bingold und Christoph Hüßtege von der ADVITOS GmbH in München gestellt. An der interdisziplinären Schnittstelle von Medizin, Biochemie und Ingenieurswissenschaften haben die Forscher ein System entwickelt, das die Behandlung von Multiorganversagen verändert. Ihr Ansatz nimmt dabei nicht die Unterstützung isolierter Organe in den Blick, sondern die Stabilisierung eines komplexen biologischen Systems. Die zentrale Frage lautet nicht mehr: Wie lassen sich einzelne Organfunktionen durch separate Entgiftungstherapien ersetzen? Stattdessen geht es darum, eine integrierte Entgiftung aller relevanten Organe zu ermöglichen und dabei das notwendige empfindliche innere Milieu zu erhalten, um so weitere Organschäden zu verhindern.
Unsere Therapie überbrückt das versagende Organ und stabilisiert gleichzeitig das innere Milieu durch pH-Regulation, sodass weitere Organversagen verhindert oder verzögert werden und das geschädigte Organ Zeit zur Erholung bekommt.
Dr. Claus Jessen
Weitere Details
Lebensläufe
Dr.-Ing. Claus Jessen
25.12.1962
Geboren in Erlenbach am Main
1983 – 1985
Studium „Allgemeiner Maschinenbau”, TH Darmstadt
Abschluss: Vordiplom1985 – 1988
Studium „Maschinenbau“, Schwerpunkt „Luft- und Raumfahrt“, RWTH Aachen
Abschluss: Dipl.-Ing.1988 – 1993
Promotion: Dr.-Ing. „Messung von Druck, Kraft und Temperatur an Modellen im Stoßwellenkanal“
Stoßwellenlabor, RWTH Aachen1993 – 1994
Entwicklungsingenieur, Fresenius AG, St. Wendel
1994 – 1995
Projektleiter, Fresenius AG, St. Wendel
1995 – 1996
Entwicklungsleiter, Fresenius AG, St. Wendel
1996 – 2003
Bereichsleiter Forschung und Entwicklung, Fresenius Medical Care AG, Bad Homburg
1997 – 1999
Bereichsleiter Strategisches Marketing, Fresenius Medical Care AG, Bad Homburg
1999 – 2003
Werksleiter Produktion Dialysegeräte, Fresenius Medical Care AG, Schweinfurt
2003 – 2009
Werksleiter, Festo AG & Co. KG, St. Ingbert
2008 – 2009
Bereichsleiter Produktion, Festo AG & Co. KG, Esslingen
2010 – 2015
Vorstand Supply Chain, Festo AG & Co. KG, Esslingen
2016 – 2016
Vorstandsvorsitzender, Festo AG & Co. KG, Esslingen
2017 – 2020
Selbstständiger Unternehmensberater
2021 – 2022
Entwicklungsleiter, ADVITOS GmbH, München
2022 – heute
Geschäftsführer, ADVITOS GmbH, München
PD Dr. med. Dr. med. habil. Tobias Bingold
21.01.1968
Geboren in München
1989 – 2004
Studium zur Humanmedizin, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Abschluss zum „Dr. med." an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg: „Morphometrie der Kardiomyozyten des rechten Ventrikels während der klinischen Herztransplantation"1996 – 1997
Assistenzarzt, Max Grundig Klinik, Innere Medizin, Bühlerhöhe
1997
Assistenzarzt, Stadtklinik Baden-Baden
1997
Approbation als Arzt
1998 – 2016
Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie,
Universitätsklinik Frankfurt am Main, Goethe-Universität2002
Facharzt für Anästhesiologie
2003
Stationsarzt Anästhesiologisch-Chirurgische Intensivstation
2004
Zusatzbezeichnung „Spezielle Anästhesiologische Intensivmedizin“
2006
Oberarzt Anästhesiologisch-Chirurgische Intensivstation
2007
Qualitätsmanagement-Beauftragter der Klinik für Anästhesiologie,
Intensivmedizin und Schmerztherapie2008
Zentraler Koordinator Anästhesiologisch-Operative Intensivstation/IMC/PACU
2012
Geschäftsführender Oberarzt Intensivmedizin
2016
Habilitationsabschluss: Privatdozent (PD) Dr. med. habil.
Goethe-Universität Frankfurt am Main: „Inflammatorische Diagnostik und Epidemiologie von Organversagen in der Intensivmedizin"2016 – 2020
Klinikdirektor, Klinik für Interdisziplinäre Intensivmedizin und Intermediate Care,
Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden2017
Integration des Weaning-Zentrums an der Deutschen Klinik für Diagnostik (DKD)
Helios Wiesbaden in die Klinik für Interdisziplinäre Intensivmedizin und Intermediate Carder HSK Wiesbaden2020 – 2021
Weiterbildung für die Zusatzbezeichnung Infektiologie, Klinik für Infektiologie,
Medizinische Klinik 2, Universitätsklinik Frankfurt am Main, Goethe-Universität2021 – 2022
Medizinischer Direktor, ADVITOS GmbH, München
2022 – heute
Chief Medical Officer, ADVITOS GmbH, München
Publikationen
Rund 90 im Peer-Review-Verfahren begutachtete wissenschaftliche Publikationen (Originalarbeiten, Reviews, weitere Fachbeiträge, Buchkapitel und Abstracts), davon zahlreiche als Erst-, Letzt- oder korrespondierender Autor; Gutachtertätigkeit für internationale Fachzeitschriften (u. a. PLoS One, Critical Care) sowie Führungs- und Sprecherrollen in Fachgesellschaften (u. a. DGAI, DIVI, ESICM), einschließlich mehrjähriger Funktionen in Vorsitz- und Stellvertretungsrollen sowie als Kommissionsmitglied und Kongressmitwirkung
Christoph Hüßtege
12.06.1988
Geboren in München
2008 – 2012
Bachelorstudium Medizintechnik, Technische Hochschule Ulm, Medizinische GerätetechniAbschluss: Bachelor of Engineering
2012 – 2014
Masterstudium Medizintechnik, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg,
Medizintechnik, Medizinische Gerätetechnik, Produktionstechnik und Prothetik
Abschluss: Master of Science2010 – 2011
Dräger Medical GmbH, Lübeck, R&D
Life Cycle Engineering Praxissemester2011 – 2012
MAQUET Cardiopulmonary AG, Hechingen, Forschung & Entwicklung
Einwegprodukte, Bachelorarbeit „Realisierung eines Testgeräts zur Bestimmung des Sieb- und Ultrafiltrationskoeffizienten von Hämokonzentratoren"2012 – 2012
Shanghai Draeger Medical Instrument Co. Ltd., Shanghai, China
Praktikum im Bereich Forschung & Entwicklung / Verifizierung und Validierung2014 – 2014
Hepa Wash GmbH, München, Forschung & Entwicklung
Masterarbeit: „Untersuchung zur Anreicherung von Flüssigkeiten mit Sauerstoff für die extrakorporale Blutoxygenierung"2015 - heute
ADVITOS GmbH, München
2015 – 2015
Forschung & Entwicklung, Mechanik & Hydraulik
2015 – 2018
Teamleiter Mechanik & Hydraulik
2018 – 2019
Forschung & Entwicklung, Einwegartikel
2019 – 2021
Leiter Vorentwicklung
2021 – 2022
Stellvertretender Leiter Forschung & Entwicklung
2022 - heute
Leiter Forschung & Entwicklung
2019 - heute
Gastvorlesungen TUM, Medizintechnik
Patente
Miterfinder in 9 Patentfamilien
Auszeichnungen
Mitentwickler des mehrfach international ausgezeichneten Medizingeräts ADVOS BK300, u. a. iF DESIGN AWARD Gold 2026 sowie zweifacher Red Dot Design Award 2025 (Product Design und Innovative Design)
Beteiligt an folgenden Förderprojekten:
H2020-EIC-SMEInst EU No. 961745
H2020-EIC-SMEInst EU No. 880349
KMU-innovativ: Medizintechnik BMBF 13GW0285
BMBF ZIM 13GW0569A
Kontakt
Koordination und Pressekontakt
Martina Petkov
Head of Business Development
ADVITOS GmbH
Agnes-Pockels-Bogen 1
80992 München
Tel.: +49 (0) 89 / 41 11 84 200
E-Mail: martina.petkov@advitos.com
Web: www.advitos.com
Sprecher
Dr.-Ing. Claus Jessen
Geschäftsführer
ADVITOS GmbH
Agnes-Pockels-Bogen 1
80992 München
Tel.: +49 (0) 89 / 41 11 84 220
E-Mail: claus.jessen@advitos.com
Web: www.advitos.com
Beschreibung der Institute und Unternehmen zu ihren nominierten Projekten
Wenn jede Stunde zählt – Der neue Therapieansatz bei Multiorganversagen auf der Intensivstation
Wenn lebenswichtige Organe wie Leber, Niere und Lunge versagen, geraten zentrale Entgiftungs- und Regulationsmechanismen des Körpers außer Kontrolle. Stoffwechselprodukte und Toxine reichern sich an, der Säure-Basen-Haushalt entgleist und lebensbedrohliche Schockzustände können entstehen. Besonders kritisch wird die Situation, wenn mehrere Organe gleichzeitig betroffen sind. Multiorganversagen zählt zu den häufigsten Todesursachen auf Intensivstationen und stellt die moderne Intensivmedizin bis heute vor große Herausforderungen.
Hier setzt die ADVOS multi Therapie (ADVanced Organ Support) der ADVITOS GmbH an. Die in München entwickelte Technologie vereint Leber-, Nieren- und Lungenunterstützung mit einer aktiven Regulation des Säure-Basen-Haushalts in einem einzigen Therapiesystem. Statt einzelne Organfunktionen isoliert zu behandeln, verfolgt die innovative ADVOS-Technologie einen integrierten Ansatz und adressiert zentrale Mechanismen des Multiorganversagens gleichzeitig.
Die Herausforderung bei der Entwicklung bestand darin, die unterschiedlichen Aufgaben mehrerer Organe in einer klinisch nutzbaren Plattform zusammenzuführen. Während die Niere vor allem wasserlösliche Stoffwechselprodukte entfernt, bindet die Leber zahlreiche Schadstoffe an Humanalbumin und macht sie dadurch erst ausscheidbar. Die Lunge wiederum reguliert durch die Abgabe von Kohlendioxid maßgeblich den Säure-Basen-Haushalt. Fällt dieses Zusammenspiel aus, reichen herkömmliche Organersatzverfahren häufig nicht aus.
Herzstück der ADVOS multi Therapie ist eine patentierte albumingestützte Blutreinigung. Humanalbumin, das wichtigste Transportprotein des menschlichen Körpers, bindet zahlreiche Stoffwechselprodukte und Toxine. Viele dieser Substanzen sind an Albumin oder andere Proteine gebunden und können mit konventionellen Dialyseverfahren nur eingeschränkt entfernt werden. Die ADVOS-Technologie bildet dieses natürliche Entgiftungsprinzip technisch nach: Während der Behandlung werden sowohl wasserlösliche als auch proteingebundene Schadstoffe aus dem Blut entfernt. Gleichzeitig wird das eingesetzte Humanalbumin kontinuierlich regeneriert und wiederverwendet. Dadurch entsteht ein geschlossener Kreislauf, der die kontinuierliche Entfernung unterschiedlicher Schadstoffgruppen ermöglicht.
Ein weiteres zentrales Merkmal der ADVOS multi Therapie ist die aktive Regulation des Säure-Basen-Haushalts. Dazu werden saure und basische Lösungen innerhalb des Systems präzise gesteuert und patientenindividuell angepasst. Auf diese Weise können schwere metabolische und respiratorische Azidosen gezielt korrigiert werden, indem sowohl Wasserstoffionen als auch Kohlendioxid aus dem Blut entfernt werden. Das System unterstützt damit nicht nur die Entgiftungsfunktionen von Leber und Niere, sondern übernimmt zusätzlich wesentliche Aufgaben der Säure-Basen-Regulation und CO₂-Elimination, die unter physiologischen Bedingungen durch die Lunge gewährleistet werden.
Die eigentliche Innovationsleistung liegt im präzisen Zusammenspiel dieser Prozesse. Dafür müssen Stoffkonzentrationen, pH-Werte, Flüssigkeitsströme und Transportprozesse kontinuierlich überwacht, gesteuert und aufeinander abgestimmt werden. Erst durch die Entwicklung eines Systems, das komplexe physikalische, chemische und biologische Prozesse sicher miteinander verbindet, konnte eine integrierte Therapieplattform zur gleichzeitigen Unterstützung mehrerer Organfunktionen entstehen.
Die ADVOS multi Therapie vereint Erkenntnisse aus Intensivmedizin, Nephrologie, Hepatologie, Biochemie, Verfahrenstechnik, Regelungstechnik und Medizintechnik. Die Entwicklung erforderte die enge Zusammenarbeit von Ärztinnen und Ärzten, Naturwissenschaftlern sowie Ingenieurinnen und Ingenieuren über mehr als zwei Jahrzehnte. Ziel war es, die natürlichen Entgiftungs- und Regulationsmechanismen des Körpers nicht nur zu verstehen, sondern sie in ein klinisch anwendbares Therapiesystem zu übertragen. Das Ergebnis ist ein Beispiel moderner Medizintechnik-Ingenieurskunst, bei der mehrere Flüssigkeitskreisläufe, Sensoren, Pumpen und Regelalgorithmen innerhalb eines Systems zusammenarbeiten.
Die Grundlagen der ADVOS-Technologie wurden vor mehr als 25 Jahren im Rahmen der Forschung zu neuen Behandlungsmöglichkeiten für Patientinnen und Patienten mit schwerem Leberversagen gelegt. Aus diesen ersten Konzepten entwickelte sich über zwei Jahrzehnte ein Innovationsprozess, der wissenschaftliche Forschung, technologische Entwicklung und klinische Anwendung miteinander verband. Daraus entstand die heutige ADVOS-Plattform, die zentrale Entgiftungs- und Regulationsfunktionen mehrerer Organe in einem System vereint.
Heute wird die ADVOS multi Therapie an mehr als 30 spezialisierten Intensivstationen in Deutschland und Österreich eingesetzt. Mehr als 11.500 Behandlungen wurden, bislang durchgeführt. Ergänzend dokumentiert das EMOS-Register* nahezu 300 Patientinnen und Patienten sowie über 1.000 Behandlungen aus der klinischen Routineanwendung. Die bisherigen Auswertungen zeigen vielversprechende Ergebnisse hinsichtlich des Potenzials der Technologie bei der Behandlung von schwerem Multiorganversagen und bestätigen die technische Leistungsfähigkeit sowie das Sicherheitsprofil der Therapie.
Mit der ADVOS multi Therapie hat die ADVITOS GmbH als Technologievorreiter eine weltweit einzigartige Plattform zur integrierten Unterstützung mehrerer Organfunktionen entwickelt. Forschung, Entwicklung, Produktion, Qualitätsmanagement und klinische Weiterbildung sind am Standort München gebündelt. Die Technologie wird heute in hochspezialisierten Intensivstationen klinisch eingesetzt und kontinuierlich weiterentwickelt. Die ADVOS-Plattform ist darauf ausgelegt, künftig weitere spezialisierte Blutreinigungs- und Organunterstützungsverfahren zu integrieren. Damit zeigt die ADVOS-Technologie, wie aus interdisziplinärer Forschung, klinischer Expertise und deutscher Ingenieurskunst eine neue Therapieklasse für die Intensivmedizin entstehen kann, und eröffnet neue Perspektiven für die Behandlung kritisch kranker Patientinnen und Patienten weltweit.
*Fuhrmann et al., PLoS ONE (2025): The Advanced Organ Support (ADVOS) hemodialysis system fulfills its intended purpose: Analysis of data from 282 patients from the Registry on Extracorporeal Multiple Organ Support (EMOS).