Autarke Funksensoren: Eine neue Generation von Sensoren, die keine externe Energieversorgung mehr benötigt

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Siemens AG, München

Sensoren sind die Sinnesorgane der Elektronik. Ihr Manko: Sie verbrauchen kostbaren Strom.

Wie lässt sich den sensiblen Bauteilen der Appetit auf elektrische Energie nehmen?

Der Siemens-Forscher Wolf-Eckhart Bulst und sein Team haben sich dafür etwa völlig Neues ausgedacht: einen Sensor, der sich per Funk meldet, wenn er eine Veränderung bemerkt - und die dafür erforderliche Energie aus dem gemeldeten Ereignis bezieht. Wolf-Eckart Bulst leitet bei dem Münchner Technologiekonzern das Fachzentrum Oberflächenwellentechnik und Hochfrequenzsysteme.

Der Saft kommt aus dem Netz oder per Funk

Sensoren sind die Augen und Ohren der Elektronik. Millionenfach verbergen sie sich in zahlreichen Dingen des Alltags: zum Beispiel in Feuermeldern, in den Airbags im Auto und im Thermostat der Heizungsanlage. Die meisten dieser Sensoren sind fest mit dem Stromnetz verbunden: Die Energie für ihren Betrieb erhalten sie über die elektrische Anschlussleitung. Daneben gibt es seit einiger Zeit fernabfragbare Sensoren - etwa Oberflächenwellensensoren, um Fahrzeuge zu identifizieren, die Temperatur des Motors zu messen oder den Reifendruck zu bestimmen. Auch in Fernbedienungen, Lichtschaltern oder Notruftasten lassen sich solche Sensoren einsetzen. Die Energie schickt ihnen ein Hochfrequenzsender per Funk.

Feuerzeugtechnik liefert Strom für den Sensor

Das Kernstück des von den Forschern bei Siemens entwickelten neuen Sensors sind piezo- oder pyroelektrische Materialien. Sie reagieren auf eine Änderung von Druck oder Temperatur. Ein bekanntes Beispiel für eine Anwendung des piezoelektrischen Effekts sind Feuerzeuge, die damit zünden, sowie Bewegungsmelder zum Einschalten der Beleuchtung. Jede Veränderung erzeugt bei einem piezo- oder pyroelektrischen Werkstoff eine elektrische Spannung. Überschreitet sie einen bestimmten Wert, kommt es zu einem elektrischen Durchschlag. Die dabei erzeugte Energie wird an einen Oberflächenwellensensor geleitet, der eine Information über das registrierte Ereignis - zum Beispiel die Überhitzung eines Bauteils - über eine Funkantenne an einen Empfänger übermittelt. Der Sensor prägt der Funkwelle dazu sowohl seinen Identifikationscode als auch die Messinformation auf. Das so modulierte Funksignal wird aufgefangen und ausgewertet - der ganze Vorgang dauert nur ein paar Millionstel Sekunden.

Bisher schafften es die Forscher aus München, mit einfachen Antennen Reichweiten von etwa 20 Metern zu überbrücken. Durch verbesserte Sensoren und Antennen sollten über 100 Meter Reichweite möglich sein. Ein Pluspunkt der neuartigen, autarken Sensoren ist ihre Umweltfreundlichkeit: Sie sparen nicht nur Energie, sondern auch Material für Leitungen und Batterien - und sie haben eine lange Lebensdauer.

Das Vorschlagsrecht zum Deutschen Zukunftspreis obliegt den führenden deutschen Einrichtungen aus Wissenschaft und Wirtschaft sowie Stiftungen.

Das Projekt "Autarke Funksensoren" wurde von der Stiftung Werner-von-Siemens-Ring vorgeschlagen.

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Autarke Funksensoren: Eine neue Generation von Sensoren, die keine externe Energieversorgung mehr benötigt
Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst

Hintergrundmaterial

Fragen an den Nominierten
Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst

Autarke Funksensoren

Stellen Sie uns bitte die Entwicklung des Projekts in den einzelnen Entwicklungs- schritten vor und legen Sie besonders das Innovationspotential Ihres Projektes dar!

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Wir hatten die Aufgabe, sowohl draht- als auch batterielose Lichtschalter und auch Thermometer zur Heizkörpertemperatur-Fernauslesung zu entwickeln. Dabei wollten wir unsere Oberflächenwellen-Sensoren einsetzen. Das sind passive Bauteile, die an eine Antenne angeschlossen sind und von einem kleinen Radargerät per Funk ausgelesen werden können.
Dieser Ansatz erwies sich jedoch nicht als zielführend: Die funkauslesbaren Oberflächenwellen-Sensoren waren nicht pulkfähig, d. h. mehrere - gleichzeitig im Empfangsbereich des Radargeräts vorhandene - Sensoren konnten nicht getrennt ausgelesen werden.
Die Reichweite war zu gering, das Radargerät zu teuer. Durch den ständigen Funkverkehr enstand zudem eine ganze Menge Elektrosmog.

Auf einem Workshop, auf dem diese Problematik zur Sprache kam, erhielten wir die Anregung von einem der Kunden, der meinte, ob man am Ort des Sensors nicht mit einem Hämmerchen auf den Oberflächenwellen-Sensor schlagen könnte, damit er sich selbst meldet.

Dieser Vorschlag lenkte unsere Gedanken in eine ganz neue Richtung. Wir erkannten, dass an jedem Sensorort Energie vorhanden ist, der Hammerschlag sozusagen. Wir mussten lediglich diese Energie anzapfen, entsprechend umformen und den Oberflächenwellen-Sensor dazu bringen, sich von selbst zu melden.

In den darauffolgenden Wochen haben wir ein Konzept entwickelt und versucht, erste Prototypen eines autarken Funksensors zu bauen. Diesen neuen Sensor könnte man mit Münchhausen vergleichen, der sich angeblich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf gezogen hat.

Liest man ihre Unterlagen, wirkt der Prozess verblüffend einfach.

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Es steckt natürlich eine ganze Menge mehr dahinter.
Zum Beispiel die Erkenntnis, dass unsere Welt ereignisgesteuert ist. Jeder Mensch besitzt Sensoren, die auf Licht, Schall, Geruch, Temperatur oder Bewegung, jedoch besonders empfindlich auf deren Veränderung, reagieren.
Eine weitere Erkenntnis ist, dass Ereignisse eine Änderung der Energiezustände von natürlichen Systemen sind. Wenn eine Lampe an- oder ausgeschaltet wird, ändert sich der Energiezustand. Wenn sich jemand bewegt, wird Energie umgewandelt.
Ein Ereignis ist die Änderung eines Energiezustandes innerhalb einer gewissen Zeiteinheit oder physikalisch gesehen eine Leistung.

Wir haben festgestellt, dass viele Ereignisse des täglichen Lebens genug Energieänderungen enthalten, um sie für unsere Funksensoren nutzen zu können. Eine weitere Erkenntnis ist, dass viele dieser Ereignisse mechanisch ausgelöst werden, zum Beispiel durch eine ruckartige Bewegung, einen Schlag, Stoß oder Druck.
Das ist die mechanische Energieänderung, die man über den piezolektrischen Effekt nutzen kann. Dabei werden in einem piezoelektrischen Kristall Ladungen getrennt und Hochspannung erzeugt, die sich über eine Funkenstrecke entlädt. Die Hochfrequenzenergie des Funkens wird an das Oberflächenwellen-Bauteil geleitet, das der akustischen Welle den Identcode des Sensors und einen Messwert aufprägt.

Diese Information wird anschließend über eine Antenne abgestrahlt und von einem - mehrere Meter entfernten - Empfänger empfangen und ausgewertet. Analog kann man für ein thermisch ausgelöstes Ereignis - also eine Temperaturänderung - den Pyroeffekt nutzen, um entsprechende Signale zu generieren.

Der ganze Vorgang dauert nur ein paar Millionstel Sekunden und die verwendeten Energien sind verblüffend gering, so dass man eine Vielzahl von Ereignissen mit diesen Sensoren erfassen kann.

Können Sie die Anwendungsmöglichkeiten bitte konkretisieren?
Wie können autarke Funksensoren gegenwärtig eingesetzt und kann der Anwendungsbereich zukünftig noch ausgeweitet werden?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Man kann mit den Sensoren eine umfangreiche Anzahl von Größen, die interessieren, messen. Zum einen das Ereignis selbst zu einem gewissen Zeitpunkt, definiert über Kodierung und Zeit; also das Öffnen und Schließen einer Tür, das Drücken einer Klingel oder Kippen eines Schalters, das Heiß- oder Kaltwerden einer Heizung, eines Kochtopfs oder eines Autoreifens.
Aber auch physikalisch und chemisch interessierende Größen, beispielsweise Temperaturen, Drücke, Kräfte, elektrische Schaltzustände (leitend oder nichtleitend), Feuchte, Gaskonzentrationen, Geruchs-, Geschmacks- und Inhaltsstoffe in Flüssigkeiten usw. können erkannt und gemeldet werden.

Der Clou an diesen Sensoren ist, dass sie keine größere elektrische Stromversorgung benötigen, damit sind sie mobil, denn sie hängen an keinem Kabel, benötigen keine Batterien. Dadurch sind sie wartungsfrei und sehr flexibel einsetzbar. Man kann sie also an bewegten Gegenständen, an Personen und Tieren, an rotierenden Teilen einsetzen. Auch an Orten, die man ohne Kabel erreichen muss, etwa Hochspannung führende Teile, Autoreifen, in den Prozesskammern der Industrie oder im Haushalt.

Damit ist es möglich, den Zustand von offenen oder geschlossenen Türen, Fenstern, Schließfächern oder Jalousien zu erfassen, oder die Temperatur von elektrischen Verbrauchern, Koch- und Gefriergut, von Heizkörpern, Kerzenhaltern, Kaffeetassen zu überwachen. Es können auf diese einfache Weise Gas- und Geruchsmelder, Feuchtemelder für Blumentöpfe und Gartenbeete, Aktivitäts- und Bewegungsmelder für Menschen und Tiere sowie selbstständig meldende Inventarmarken konstruiert werden.

Im Prinzip haben wir es mit einer elektronisch wirkenden Kuhglocke zu tun, die die Energie der Kuh beim Kauen nutzt. Bei der Kuhglocke wird die Energie in Schall umgewandelt und zum Bauern gesendet. Wenn dieser dann seinen Kühen unterschiedliche Tonlagen zuordnet, kann er sie identifizieren und Richtung und Entfernung abschätzen. Bei hoher oder tiefer Temperatur, bei einer gewissen Verspannung der Glocke oder bei Regen wird sich die Tonlage jeder Glocke geringfügig verstimmen. Damit könnte das geübte Ohr Informationen über Temperatur, Kräfte oder Feuchte vor Ort gewinnen. Nichts anderes machen wir rein elektronisch. Unsere „Glocke“ ist ein hochpräziser, kristallstabiler Oberflächenwellen-Sensor, und wir könnten viele Milliarden Kühe unterscheiden.

Sie haben vorhin den Begriff „Elektrosmog“ erwähnt. Umweltverträglichkeit ist etwas, was Ihre Sensoren auszeichnet. Wieso?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Normalerweise brauchen Sensoren Strom, unabhängig davon, ob sie etwas erkennen oder nicht. Dieser Strom wird somit sinnlos verbraucht.
Der Trick unserer autarken Funksensoren ist, dass sie sich nur melden, wenn sich etwas ändert, wenn ein Ereignis eintritt. In diesem Moment wird das Signal per Funk übertragen.
Nachdem sowieso schon viel Funkverkehr herrscht, ist es wünschenswert, dass nicht noch weiterer, nutzloser hinzu kommt. Ein autarker Funksensor meldet sich nur dann, wenn das Ereignis eintritt. Ansonsten belastet er weder uns noch die vorhandenen Frequenzbänder, denn die Funkenergie ist millionenfach geringer als die eines Handys.

Meine Zukunftsvision ist, dass im gesamten Umfeld der Menschen Milliarden dieser Sensoren wie dienstbare Geister im Verborgenen ruhen, bei Bedarf von selbst ihre Arbeit leisten und dann wieder ruhen, aber trotzdem Komfort und Sicherheit liefern.

War das Projekt der „Geistesblitz“ eines Erfinders oder die konsequente Suche eines Konzerns nach einem neuen Produktfeld?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Ich würde sagen, dass es eine Technologie-und „Geistesblitz“-getriebene Basisinnovation ist, die sich abzeichnet.
Man muss sehen, dass wir noch am Anfang stehen und die Grenzen ausloten. Es ist mehr ein Programm, das wir starten, denn ein Projekt. Ich glaube, dass noch viele Menschen integriert werden müssen, die ihre Ideen einbringen, weil es noch beliebiges Potential zu Weiterentwicklung und Fortschritt gibt.

Das ist auch aus unserer Sicht notwendig und sinnvoll, weil das Produktspektrum von Siemens meiner Ansicht nach nicht alle Anwendungen abdeckt. Ich könnte mir vorstellen, dass es besonders sinnvoll ist, das Programm populär zu machen, damit an die Hochschulen zu gehen, Klein- und mittelständische Unternehmen mit einzubinden, da diese besonders flexibel und kreativ sind und sie die große Anzahl von Spezialanwendungen, die sich jetzt theoretisch darstellen, vielleicht schneller und besser umsetzen können.

Wie entsteht oder entwickelt sich ein Innovationsprozess in einem Großunternehmen?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Wir befinden uns in der Zentralabteilung Technik, in der neben Projekten, die eher kundenorientiert sind, auch neue Ideen entwickelt werden. Wir sind die einzige Abteilung bei Siemens, die die Chance hat, risikoreiche Ideen eine gewisse Zeit lang zu verfolgen und das Potential abzuschätzen. Ich halte es für eine ganz wichtige Maßnahme, dass sich ein großes Unternehmen solch eine Abteilung leistet und seinen Forschern Chancen gibt, etwas grundlegend Neues zu entwickeln.

Wir haben auch die Möglichkeit, Hochschulkooperationen zu betreiben, um dort junge Menschen in den Prozess mit einzubeziehen und deren Forschergeist zu nutzen. Bei uns gibt es eine Vielzahl von Doktoranden, Diplomanden, Praktikanten und Werkstudenten.

Gab es Phasen, in denen es echte Probleme gab, die das Projekt hätten gefährden können?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Ganz am Anfang hatten wir eine Lösung, die nicht befriedigend war. Das hatte große Niedergeschlagenheit bei allen ausgelöst. Wir hatten viel Geld und Zeit investiert, und als die Probleme auf dem vorhin erwähnten Workshop offen zu Tage kamen, lagen die Nerven blank und die Stimmung war ziemlich gereizt. Glücklicherweise kam dann, wie schon gesagt, die Idee auf, in den Sensoren die Abfallenergie zu nutzen, die die Systeme, zu denen ich hier ausnahmsweise auch Menschen und Tiere zähle, im Ereignisfall bewusst oder unbewusst abgeben.

Sie sind alleine nominiert, aber den Unterlagen ist zu entnehmen, dass es ein Team im Hintergrund gibt.
Welche Fachrichtungen treffen sich in Ihrem Team und von welchen Zeitabläufen für das Projekt sprechen wir?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
An der konventionellen Methode der Funksensorik nach dem Radarprinzip arbeiten wir gedanklich etwa seit 1992.
1995 haben wir in einem der Projekte begonnen, an batterielosen Lichtschaltern und Heizkörpertemperatur-Auslesern zu arbeiten. Nach zweijähriger Arbeit und dem schon erwähnten Misserfolg wurde 1997 die Idee der autarken Funksensoren entwickelt.

An dem Programm OFW-Funksensorik sind ca. zwanzig vorwiegend junge Physiker, Elektrotechniker und Hochfrequenztechniker beteiligt, die begeistert und hochmotiviert sind und sehr viel Schwung besitzen. Es sind Leute, die sehr gern diskutieren, sich auch über die Arbeitszeit hinaus mit dem Thema beschäftigen und Spaß an der Arbeit haben.

Ist ein Endpunkt der Entwicklung absehbar, oder würden Sie sagen: Wir wissen noch nicht, was im Endeffekt daraus werden kann?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Es ist eine Art Urknall. Wir wissen noch nicht, wo das hinführen wird. Ich kann mir auf Grund der verblüffenden Einfachheit der Sensoren sehr viele Einsatzmöglichkeiten vorstellen.
Zum Beispiel durch die Integration der Empfänger-Bausteine in Datenbussysteme oder in Informations- und Kommunikationsendgeräte werden die autarken Funksensoren systemfähig. Symbolisch gesprochen erhalten damit diese Endgeräte bzw. das weltweite Netz Milliarden von drahtlos angeschlossenen, mobilen Augen, Ohren, Nasen sowie Sinnesorgane für Temperatur-, Druck- und Feuchteempfindlichkeit.

Wie entwickelt sich das: Ist Ihr Unternehmen zukünftig Monopolist in einem riesigen Marktsegment oder wird ein Technologietransfer stattfinden?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Siemens ist sicher nur an einigen professionellen Anwendungen interessiert. Vielleicht liegt dem Unternehmen auch gar nichts an der eigenen Herstellung, sondern es möchte diese Teile kaufen und in seine Systemlösungen integrieren.

Nachdem Siemens seine Komponentenbereiche ausgegliedert hat, wird man diese Technologie wohl nach außen transferieren müssen. Komponenten-Hersteller sollten die Grundelemente dieser Sensoren als modulare Teilkomponenten in riesigen Stückzahlen herstellen. Darauf sollten beliebig vielen Klein- und mittelständische Unternehmen versuchen aufzubauen und ihre kreativen Lösungen in den Massenmarkt einbringen.
Das wäre meine Wunschvorstellung.

Wenn man diesem Gedanken folgt, muss Siemens beliebig viele Lizenzen geben und daraus wertschöpfen, damit diese Innovation zu den Menschen kommt. Mit anderen Worten: Das Gegenteil einer Monopolstellung wird hier wahrscheinlich die Strategie sein.

Wie nimmt sich Ihr Produkt im internationalen Vergleich aus? Gibt es ähnliche Entwicklungen in anderen Bereichen?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Es gibt schon Anwendungen und Lösungen, die etwas Ähnliches bringen, aber wahrscheinlich nicht so attraktiv sind wie unsere.
Natürlich gibt es heute schon eine Art Fernbedienung, die bereits patentiert ist, in der ein Magnet in einer Spule schwingt, daraus induktiv elektrische Energie erzeugt und damit einen Halbleiterschaltkreis speist, der dann ein Funksignal aussendet. Aber das Verfahren ist wesentlich ineffizienter als unsere Lösung mit Oberflächenwellentechnik. Ein thermisch angetriebener Sensor dieser Art ist mir nicht bekannt.

Haben Sie Ihre Erfindung durch Patente schützen lassen?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Wir haben Patentanmeldungen eingereicht, die in Deutschland sofort erteilt wurden. In keinem Punkt hat es Vorbehalte gegeben, die uns gehindert hätten.
Jetzt sind wir dabei, die Entwicklung weltweit anzumelden, wobei sich bisher noch keine Vorbehalte oder Einschränkungen bemerkbar gemacht haben. Diesbezüglich sind wir, davon gehe ich aus, konkurrenzlos.

Dies bedeutet nicht, dass andere Firmen nicht auch Lösungen in dem einen oder anderen Bereich entwickeln können. Das ist schließlich das Ziel, damit möglichst viele Menschen davon profitieren können.

Wie stehen wir im Moment in Deutschland mit unserem Innovationspotential oder unseren Technologieentwicklungen im globalen Wettbewerb da?
Welche Entwicklungen zeichnen sich ab?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Wir haben im Standort Deutschland ideale Voraussetzungen. Zum Beispiel haben wir 1976, also vor mittlerweile 24 Jahren, die Oberflächenwellentechnik aufgegriffen. Wir waren damals drei junge Physiker und haben uns lange nach den Amerikanern mit dieser Technologie auseinandergesetzt. Eine neue Technologie ist in diesem Umfeld entstanden. Akustische Oberflächenwellen live im Elektronenmikroskop laufend sichtbar zu machen, war damals eine Sensation. Heute ist EPCOS, unser ehemaliger Komponentenbereich „Siemens und Matsushita“, Weltmarktführer auf diesem Sektor. Allein in München sind knapp 2000 neue Arbeitsplätze entstanden, und die Milliarde-DM-Umsatzschwelle wird gerade mit Schwung durchbrochen.

Die Voraussetzungen sind auch durch die Kooperation mit den Hochschulen sehr gut. Wir haben Hochschulkooperationen mit ganz Deutschland und auch mit deutschsprachigen ausländischen Universitäten. Nur so konnte es uns gelingen, alle zu überholen. Meiner Meinung nach bestehen in Deutschland, denn Siemens ist ja keine Ausnahme, ideale Voraussetzungen für technologische Innovation.

Kritisch bemerken könnte man, dass die Umsetzung von Ideen manchmal durch zu forderndes Geschäftsdenken behindert wird, dass man den Leuten, die neue Ideen haben, nicht mehr genügend Zeit für deren Entwicklung und Umsetzung lässt und kaum bereit ist, das Risiko mit zu tragen. Es besteht eine gewisse Gefahr, dass die Welt zu kurzatmig, zu schnelllebig wird. Bei der NASA zum Beispiel, die durch solches Verhalten kürzlich Rückschläge hinnehmen musste, denkt man schon wieder um.

Ein weiteres Problem ist der mangelnde Nachwuchs in einigen Bereichen der Hochschulen. Es fehlt der Dialog Wissenschaft-Technologie-Öffentlichkeit.
Ihr Haus zeigt auf diesem Gebiet ja sehr großes Engagement, und stellt dar, dass eine solche Ausbildung in Arbeitsbereiche führen kann, die hochinteressant sind.

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Das ist richtig. Allein in meinem eng begrenzten Umfeld, der Technik der akustischen Oberflächenwellen, haben wir in Kooperation mit den Hochschulen mehrere hundert Doktor- und Diplomarbeiten vergeben und betreut. An kompetentem Nachwuchs hat es uns daher nie gefehlt.
Diese Kurzatmigkeit, von der ich sprach, ließe sich dadurch umgehen, indem man auch bei uns verstärkt Risikokapital einsetzt. Bei uns, in der Zentralabteilung Technik, laufen Programme, die die Leute geradezu ermuntern, sich „auszugründen“ und ein Spin Off zu entwickeln. Unser Unternehmen geht mehr und mehr dazu über, kleine hoffnungstragende Firmen, die sich schon eine gewisse Zeit am Markt bewähren, einzukaufen und in den Verbund einzubringen. Das ist möglicherweise ein Weg, der zukünftig beschritten werden sollte. Auch hier sind wir dabei, eine Art Vorreiterstellung zu erlangen.
Die Idealvorstellung ist, dass junge unternehmerische Leute aus Amerika zu Siemens kommen und nicht unsere kreativen Kräfte in die USA auswandern.

Was passiert, was die Technologieentwicklung angeht, in Europa?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
In Europa funktioniert der Austausch bereits relativ gut. In meinem Fachzentrum arbeiteten bzw. arbeiten Österreicher, Italiener, Franzosen, Griechen und Ukrainer. Ohne die wären wir nie so weit gekommen.
Wir haben außerdem mehrere chinesische Doktoranden und Praktikanten, und wir pflegen hier ständigen Austausch.

Gilt das auch für Frauen?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Frauen sind in meinem Bereich nicht so zahlreich vertreten. Aber wir haben sehr bewährte Frauen, denen deutliche Durchbrüche, gerade in der Oberflächenwellentechnik, gelungen sind. Der Anteil der beschäftigten Frauen im Produktionsprozess der Oberflächenwellentechnik ist überproportional hoch.

Was verstehen Sie unter dem Begriff Innovation?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Innovation ist, was den Menschen nützt, was ihnen Fortschritt und Zukunft bringt. Damit meine ich nicht so zweifelhafte Errungenschaften wie blutrünstige Computerspiele oder anderen Schnick-schnack. Ich meine damit z. B. den Fortschritt beim mobilen Telefonieren. Noch vor zehn Jahren musste ein Teilnehmer in Deutschland 5.000 DM ausgeben, um mobil telefonieren zu können. Heute tun das etwa zehn Leute zu diesem Preis und zwar in höchster Qualität.

Ein anderes Beispiel: Ein Auto wird gebaut, und anschließend werden zahlreiche Extras eingebaut, so dass es letztendlich 100.000 DM kostet. Das kann eigentlich nicht der Sinn einer Innovation sein.

Wir Techniker, Wissenschaftler, Ingenieure sind aufgefordert, Innovationen zu entwickeln, die mehr Nutzen zu geringeren Kosten erreichen. Also ein Auto zu bauen, das den Anforderungen eines 100.000 DM-Autos entspricht, jedoch zu einem Preis von 10.000 DM. Ich bezeichne das für mich als eine Art intellektuellen Übertrick. Man muss aus einer geringen Menge Material mit viel Geist und wenig Energie viel Nutzen für die Gesellschaft herausholen. Die Schaffenskraft muss in die intellektuelle Ebene verlagert und dadurch Kosten- und Naturverbrauch reduziert werden. Dann können vergleichsweise viele Menschen am erarbeiteten Wohlstand teilhaben. Das ist es, was ich mir unter einer Innovation vorstelle.
Unsere autarken Funksensoren kommen diesem Idealbild in gewissem Sinne nach.

Würden Sie Ihren Weg, die Entwicklung, die Sie selbst erlebt haben, im nachhinein betrachtet, wieder einschlagen?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Ja, dieser Weg hat sich eigentlich von selbst eröffnet.
Wir mussten dementsprechend handeln, es war keine Frage des bewussten Entscheidens, man konnte sich nicht entziehen.

Würden Sie heute etwas anders machen?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Nein, es ist so gut gelaufen, das konnte man gar nicht anders machen. Oder anders ausgedrückt: „Wenn die Dinge gut eingefädelt sind, läuft alles fast wie von selbst.“ Das soll aber nicht heißen, dass wir uns nicht auch tüchtig quälen mussten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Die Chance, weitermachen zu können. Weil wir alle davon überzeugt sind, dass die Menschheit davon profitieren wird.

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Lebenslauf

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst

11.2.1945
geboren in Görlitz, Sachsen
1962 – 1965
Berufsausbildung mit Abitur im Uhren- und Maschinenkombinat Ruhla/Thüringen
1965
Abitur und Gesellenbrief als Maschinenbauer
1965 – 1970
Studium der Physik an der Technischen Universität Dresden
1970
Diplom
1970 – 1971
FuE-Ingenieur im Uhren- und Maschinenkombinat Ruhla/Thüringen
1973
FuE-Ingenieur in der Zentralabteilung Technikder Siemens AG München
1980 – 1984
Laborleiter für Oberflächenwellentechnik
1984 – 1988
Leiter der Fachgruppe für Oberflächenwellentechnik
seit 1988
Leiter des Fachzentrums für Oberflächenwellentechnik und Hochfrequenzsysteme

Ehrungen:

1977
Preis der Nachrichtentechnischen Gesellschaft (NTG)

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Kontakt

Projektsprecher:

Dipl.-Phys. Wolf-Eckhart Bulst
Siemens AG
Zentralabteilung Technik
ZT MS 1
81730 München
Tel.: +49 (0) 89 / 63 65 29 99
Fax: +49 (0) 89 / 63 64 53 96
E-Mail: wolf-eckhart.bulst@mchp.siemens.de

Pressekontakt:

Dr. Hartmut Runge
Pressereferat
Forschung und Technik (UKPZT)
81730 München
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